Die Wasserversorgung von Königstein im Wandel der Zeiten

Wasser war neben Holz der wichtigste Energieträger und wurde von den wachsenden Dörfern und Städten so weit wie möglich vereinnahmt. Die Möglichkeit, auch weiter entfernte Quellgebiete nach Königstein zum Antrieb der Mühlen und der Versorgung der Bevölkerung abzuleiten, hing von den technischen Fähigkeiten und dem politischen Verhältnis zu den Nachbarn ab, die von einer potenziellen Wasserumleitung betroffen waren.

Während der Höhenbach in seiner Bedeutung für Königstein weitgehend im öffentlichen Bewusstsein verankert ist, sind nur wenigen die Herkunft des Rombachs und die Bedeutung des Farnbaches bekannt.

Dr. Bärbel von Römer-Seel und Dr. Horst Seel haben in zweijähriger Feldforschung die acht Grabenführungen der historischen Wasserzuleitungen nach Königstein über die Jahrhunderte im Gelände identifiziert und kartiert. Die Auswertung der Herrschaftsverhältnisse seit Philipp VI. im 14. Jahrhundert bis in das 20. Jahrhundert hinein und die Wasserpolitik der Stadt in den jeweiligen Zeiten wurden in Bezug zu dem Grabenmuster im Gelände gesetzt und so die zeitliche Abfolge der Mühl- und Wassergräben identifiziert.

Hier folgt nun der Bericht von Frau Dr. Bärbel von Römer-Seel.

Auf den Spuren der historischen Bäche Königsteins

Wer in den letzten Tagen ein Paar, ausgerüstet mit Foto, Messtischblatt und GPS entlang des Reichenbachs, des historischen Höhenbachs und Neuen Mühlbachs beobachtet hat, mag sich vielleicht gewundert haben. Es war Dr. Bärbel v. Römer-Seel mit ihrem Mann Dr. Horst Seel, Mitglieder in der Arbeitsgemeinschaft Historische Kulturlandschaft Königstein, die die historische Bachführung des ca. 800 Jahre alten Bewässerungssystems in diesem Bereich untersuchten.

Dabei fiel ihnen eine Stelle auf, in der der Reichenbach durch ein kleines Wehr um über einen Meter gestaut wurde. Hinter einem großen Baum ließ sich der trockene Graben des Höhenbachs Richtung Mühlweg ausmachen. Bisherige Königsteiner Historiker mögen schon an diesem Ort gewesen sein, aber das Wehr wurde bisher noch nicht mit der Ausleitung des Wassers in den Höhenbach in Verbindung gebracht. Zweifelsfrei handelt es sich hier um diese Abzweigung des Höhenbachs vom Reichenbach, die schon an anderen Stellen bachaufwärts vermutet wurde. Von Römer-Seel mag sich diese historisch bedeutsame hydrologische Maßnahme der Aufstauung des Wassers, um es besser ausleiten zu können, deshalb erschlossen haben, weil sie sich schon seit 40 Jahren mit Bächen bezüglich ihrer ökologischen und hydrologischen  Eigenschaften befasst. Fünf Jahre lang betrieb sie im Rahmen ihrer Dissertation die Analyse des Einzugsbereiches eines Flusses in Indonesien im Osten der Insel Java. Da sich dort die Landwirtschaft in den flacheren Bereichen auf Nassreisfeldbau konzentriert, ist ihr das dazu notwendige hydrologische Netzwerk vertraut.

Das Bett des ersten Abschnitts des Höhenbachs stellt sich heute als trockener Graben dar, da die Ausleitung nicht mehr funktioniert. Während das Wehr gut erhalten ist, ist das Bachbett des Reichenbachs links unterhalb stark erodiert, leider häufig eine Begleiterscheinung von Aufstauungen. Ob das Bett des Höhenbachs heute durch den Baum versperrt wird oder über das weggespülte Stück Land verlief, müssen archäologische Untersuchungen klären.

Das Bachbett verläuft gut sichtbar mit einem flacheren Gefälle als der Reichenbach und dadurch diesem gegenüber an Höhe gewinnend auf der linken Talseite. Schon nach ca. 200 Metern befindet sich ein weiterer wichtiger Knotenpunkt des Königsteiner Gewässernetzes.

Der Neue Mühlbach kommt von der Untermühle bergab und mündet in den Höhenbach und versorgt diesen heute mit etwas Wasser. Diese Stelle ist bekannt und schon mehrfach beschrieben worden, auch sind die hydrologischen Verhältnisse im Messtischblatt naturgetreu abgebildet. Das Bachbett ist im weiteren Verlauf funktionsfähig und nur vor der Arndt-Straße auf einem Grundstück seit längerem verrohrt.  Erst mit der Ausleitung des Wassers aus dem Höhenbach nördlich des Kurbades verlässt der Höhenbach wieder sein angestammtes Bett. Den ausgetrockneten Graben kann man in seinem weiteren Verlauf in Privatgrundstücken rechts und links der Adelheidstraße verfolgen.

Bei einer weiteren Begehung des Höhenbaches mit Gaby Klempert, der Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Historische Kulturlandschaft Königstein und Hartwig Wendel haben diese auf der Basis ihres umfangreichen historischen Wissens die Interpretation des Bachabschnitts bestätigt.

Die Tatsache, dass das Bett des historischen Wasserversorgungssystems Höhenbach nun in seinem gesamten Verlauf erkannt ist, betont wieder den Denkmalstatus, den der Höhenbach gemäß des Hessischen Denkmalschutzgesetzes besitzt. Dass das Wehr gemäß der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie als ein Hindernis bezüglich der ökologischen Durchgängigkeit des Reichenbachs zu bewerten ist, zeigt die Herausforderung, der sich ein ökologischer Denkmalschutz stellen muss. Als vorrangige Aufgabe sehen es die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Historische Kulturlandschaft Königstein, den Höhenbach in seiner historischen Bedeutung für Königstein stärker in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken und zu prüfen, welche restauratorischen Maßnahmen das historische Gewässernetz in seiner Funktion wieder aufwerten.

2. März 2012, Dr. Bärbel von Römer-Seel