Eine kleine Stadt unter

unzähligen anderen?

von Prof. Felicitas Schmieder, Königstein am 27. Februar 2013

Die Welt ist noch klein

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Wir befinden uns im Jahre 1313 n. Chr.... Die Welt, so könnte man sagen, ist noch klein, Amerika und Australien sind noch nicht am Horizont der Europäer aufgetaucht... Fast die gesamte bekannte Welt aber ist von den Europäern bereits erreicht worden: In Peking, wo die Mongolen-Dynastie der Yuan herrscht, besteht ein katholisches Erzbistum mit einem italienischen Franziskaner als Erzbischof. In Südostasien und Indien sind europäische Missionare ebenfalls auf dem Sprung, Bistümer zu etablieren, und ebenso nördlich vom Schwarzen und Kaspischen Meer. Dort beginnt in diesem Jahr die Herrschaft des Mongolen-Khans Uzbek, dessen Name bis heute im Staat Usbekistan fortlebt, der Gebiete bis weit nach Europa hinein, bis tief ins heutige Weißrussland und die Ukraine hinein kontrolliert und der in seinem weiten Herrschaftsgebiet den Islam zur herrschenden Religion bestimmt. Auch in Persien bis in den Vorderen Orient herrschen muslimische Mongolen; im Heiligen Land sind die Kreuzzüge längst Geschichte, und die muslimischen Mamluken kontrollieren von Kairo aus diesen Bereich ebenso wie den Norden Afrikas...

Ganz in der Nähe von Konstantinopel, im Bereich der heutigen Westtürkei, macht sich ein Mann namens Osman auf, ein Reich zu gründen, das später die halbe Welt beherrschen sollte... In Italien, genauer in Florenz, wird im Sommer 1313 der große Dichter Giovanni Boccaccio geboren, und ganz in der Nähe stirbt am Bartholomäustag, dem 24. August, der frisch gekrönte Kaiser und römisch-deutsche König Heinrich VII. von Luxemburg, und wird in Pisa begraben. Als Folge brechen in Deutschland Kämpfe aus im Ringen der drei großen Dynastien des 14. Jahrhunderts, der Luxemburger, Habsburger und Wittelsbacher, um die Krone.

Überall in den erwähnten Gebieten, in den Mongolenreichen und rund ums Mittelmeer, ganz speziell in Italien, und sogar an der marokkanischen Atlantikküste haben europäische Kaufleute ihre Kontore, und sie fahren mit ihren Schiffen auch um den Westen Europas herum in die Nord- und Ostsee. Interessant ist für sie vor allem die Verbindung zwischen Oberitalien und Flandern... Und sehr oft nehmen Warenzüge auch den Landweg, um lukrative Zwischenstationen zu berücksichtigen: die Messen in Lyon, Genf und Frankfurt, den Stapelplatz in Köln, das zur Hanse gehört.

Die Autobahn der Kutschen und Fuhrwerke

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Die Straße von Frankfurt nach Köln ist eine der Autobahnen der damaligen Zeit, denn wer den Rhein vermeiden will – der schnellen Transport auch schwerer Güter erlaubt, aber an dem sich eine Zollstation an die andere reiht –, der nimmt von Frankfurt aus die Kölner Straße. Noch blüht die Wirtschaft zudem, auch wenn die ersten Vorboten einer Krise schon zu spüren gewesen sein dürften: Das Klima wandelte sich, das Wetter wurde schlechter, die Ernten geringer, extrem nasse Jahre bescherten vielen Gebieten Europas just um 1314/16 Hungersnöte. Doch was wir im Rückblick wissen, konnte den Menschen damals noch nicht ihren Optimismus verderben. An dieser wichtigen Straße wurde in wirtschaftlich blühender Zeit am 27. Februar 1313 ein Dorf, das sich um eine Burg schart, die wiederum den engen Passaufgang über den Taunus bewacht, von König Johann von Böhmen, seines Zeichens Stellvertreter seines Vaters Heinrichs VII. nördlich der Alpen, zur Stadt erhoben, und zwar auf Bitten Philipps, Herr von Falkenstein und Herr des fraglichen Dorfes: Königstein.

Das besondere Dorf

Was war Besonderes an diesem Dorf, dass ihm diese Aufmerksamkeit von Königen zukam –  immerhin trug es den Königsnamen? Oder war da gar nichts Besonderes geschehen –  war Königstein nichts als ein Dorf und nun eine Mini-Stadt unter vielen anderen?

Es geht mir darum – das können Sie an diesem Einstieg sehen – die Stadterhebung Königsteins in ihren zeitgenössischen Kontext zu setzen. Dafür will ich im Folgenden über Königstein hinausgehen, und auch über Frankfurt, dessen Recht Königstein damals erhielt, will ich hinausblicken: Ich will zeigen, dass Königstein damals einerseits nichts so schrecklich Besonderes war – andererseits aber sehr wohl.

Auf dem Weg dorthin sind eine ganze Reihe von Fragen zu klären: Wo befinden wir uns eigentlich konkret? Wer war es, der verlieh, und wer war der Empfänger? Was wurde da verliehen – was also heißt eigentlich Frankfurter Recht und was, es zu verleihen? Was hatten alle Beteiligten davon: der König und sein Stellvertreter, der Falkensteiner, die Königsteiner ... und was die Frankfurter, die mittelbar ja auch betroffen gewesen zu sein scheinen? Letztlich geht es also um die Frage: Warum konnte Königstein am 27. Februar 1313 zur Stadt erhoben werden?

Burg-Angestellte oder Selbstständige?

Ein oppidum, das den Namen des Königs trägt und mit dem Stein auf einen Berg, oft auf eine Befestigung, verweist – kein Wunder, dass man bei Königstein immer an die Burg denkt.

Königstein galt der Forschung stets als wichtiger Punkt im sogenannten ,,Burgenbauprogramm der staufischen Könige“. Das ist nicht falsch, ist aber zugleich viel zu modern gedacht. Denn wenn wir heute so etwas hören, dann stellen wir uns einen Regierungschef vor, gewiss von Beratern umgeben, der sich ein Bild von der Sachlage zu machen versucht und der wichtige Entscheidungen auf der Grundlage bester Informationen fällt, der dann seinen Exekutivorganen den Auftrag gibt, die Pläne umzusetzen. Wie aber planten die Könige um 1200, wie führten sie ihre Pläne aus?

Nun, eigentlich planten sie gar nicht – schon gar nicht um 1200, als es zeitenweise entweder keinen oder aber zwei Könige gab. Das Reich funktionierte nicht von oben nach unten, sondern überall vor Ort waren Kräfte am Werke, die grundsätzlich zum eigenen Nutzen handelten. Und weil die Könige das wussten, zogen sie tüchtige Unfreie heran, die durch die königliche Unterstützung aufsteigen konnten und für die die Sache des Königs dem eigenen Nutzen entsprach – sie hatten durchaus ein großes Ganzes im Blick, schon weil sie dem Königtum alles verdankten und weil sie nur existierten, weil und so lange es ein Königtum gab. Diese sogenannten Reichsministerialen kannten ihre Region und deren Kräfteverhältnisse ganz genau, denn das war der Kontext, in dem sie sich möglichst weit oben zu positionieren gedachten. Und es ist nicht nur durchaus denkbar, dass diese Leute selbständig handelten, sondern das ist sogar sehr viel wahrscheinlicher, als dass sie bei der Gründung von Königstein Befehle ausführten. Sie waren keine Exekutivorgane des Königtums, sondern selbständig denkende und handelnde Außenposten, auf das Königtum ebenso angewiesen wie dieses auf sie.

Zu denken ist zu Beginn des 13. Jahrhunderts an die Herren von Münzenberg in der Wetterau, die in und um Frankfurt durch Übertragung königlicher Rechte und geschickte Politik sehr mächtig geworden waren – und an deren Erben, die Herren von Falkenstein, die noch um 1313 im Besitz von Königstein sind. Diese waren ca. 100 Jahre nach der Erbauung der Burg durch ihre Vorfahren eher noch selbständiger – inzwischen hatte das Königtum eine Zeit extremer Schwäche durchgemacht und noch nicht wirklich hinter sich gebracht. Weiterhin aber wussten sie sich dem Königtum verpflichtet, und die Könige wussten, was sie an ihnen hatten.

Die Henne und das Ei – die Stadt, die Burg und die Straße

Aber warum hatten sie die Burg gebaut – und war die Burg anschließend wirklich die raison d'etre, der Existenzgrund Königsteins? Oppidum kann gewiss befestigter Ort heißen – doch man hat ebenso die Bedeutung Markt dafür diskutiert. Auch Frankfurt wurde in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts oppidum genannt, und natürlich gab es hier eine Befestigung, aber so prominent wie in Königstein war sie sicher nicht.

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Und auch bei Königstein sollte man vorsichtig sein bei der Übersetzung von oppidum mit Burgdorf oder Burgflecken, denn dann denkt man automatisch an die Burg als Zentrum der Ansiedlung. Das war sie aber nicht. Das Zentrum, der eigentliche Ansiedlungsgrund, war die Straße: Die Straße, auf der 1313 immer mehr und mehr Kaufleute vom Niederrhein, aus Köln und den Niederlanden, aus Flandern mit den wachsenden Tuchstädten Gent und Brügge, Ypern, Kortrijk und Tournai zogen, hinzu kamen Kaufleute aus England mit dem zu dieser Zeit bereits zur Metropole gewachsenen London. Und alle zogen nach Frankfurt auf die boomenden Messen, die dabei waren, zu den größten Umschlagplätzen in ganz Europa zu werden. Königstein, unterhalb der Passhöhe gelegen, war mit Sicherheit Station, ungefähr eine Tagesreise vor oder hinter Frankfurt, je nach Richtung, aus der man kam. Königstein war kein Markt für diese Leute, aber Quartier – zweimal im Sommer, um den 15. August und den 8. September (die beiden Marienfeste Himmelfahrt und Geburt, die die alte Frankfurter Messe terminierten) mögen in der uns interessierenden Zeit Hunderte von Kaufleuten hier durchgezogen sein, gegessen und getrunken und dann übernachtet haben. Wenig später, 1330, sollte König Ludwig der Bayer den Frankfurtern einen zweiten Messtermin in der Fastenzeit vor Ostern privilegieren, wieder nicht zum Schaden Königsteins. Die Burg schützte diese Straße, gewiss – die Burgbesatzung sicherte den Weg der Kaufleute, und die Gebühren dafür kamen dem Herrn von Falkenstein zugute –, aber der Grund für die Siedlung am Fuß des Taunuspasses, der Grund für ihren wirtschaftlichen Aufschwung und das Interesse des Falkensteiners, das oppidum zur Stadt erheben zu lassen, war die Straße. Sie ist nicht umsonst bis heute eine Bundesstraße mit der niedrigen Nummer 8, die ganz Deutschland von Passau nach Emmerich an der niederländischen Grenze durchquert (und auch daran sollten Sie denken, wenn die Straße heute zur Belästigung geworden ist).

Handel, Wirtschaft und Religion

In diesem Zusammenhang kann übrigens noch ein anderes Problem geklärt werden: Schon früh wurde bemerkt, dass Juden bereits deutlich vor der Stadtrechtsverleihung in Königstein angesiedelt waren – und in Verdrehung von Ursache und Wirkung hat man argumentiert, dass sich Juden nur in Städten hatten ansiedeln dürfen, deshalb sei Königstein schon viel länger Stadt gewesen. Das stimmt und stimmt nicht: Es gab damals noch keine derartigen Ansiedlungsbeschränkungen für Juden, außer dass sie unter Königsschutz standen und den auch brauchten und sich deshalb im Zweifel in königlichen oder königsnahen Orten ansiedelten. Vor allem aber waren die Juden in handelsnahen Gewerbszweigen tätig und siedelten sich daher dort an, wo sie diesen Gewerben lukrativ nachgehen konnten. Insofern sind sie vor allem in Städten zu finden – und in Orten, die wirtschaftlich zunehmend Stadtqualität annahmen: Dass es Juden in Königstein gab, bekräftigt die ökonomische Position, die Königstein durch die Lage an der Köln-Frankfurter Straße erworben hatte – eine Position, die dem Falkensteiner die Stadterhebung nahelegte.

Der König muss gefragt werden

Die Stadtrechte verlieh Johann von Luxemburg, König von Böhmen, der für seinen Vater – der zur Kaiserkrönung nach Italien gezogen war – das Reich nördlich der Alpen hielt. Offenbar muss der König gefragt werden, wenn man ein Dorf zur Stadt machen will, jedenfalls wenn man ein einfacher Herr ist und kein Fürst. Und kein König verschenkte einfach so Rechte, dafür hatte er im Grunde viel zu wenig, was sich in eigene Mittel umsetzen ließ. Doch wir haben schon gehört: Der König war auf die Loyalität von Ministerialen wie den Falkensteinern angewiesen, und zudem bedurfte er jeder militärischen Unterstützung, derer er habhaft werden konnte – ich habe ja schon gesagt, das Königtum war zwischen mächtigen Familien im Reich umstritten, man schlug Schlachten darum wie im November 1313 bei Gammelsdorf nördlich von München, als der Wittelsbacher Ludwig den Habsburger Friedrich schlug.

Eine Hand wäscht die andere?

Im Gegenzug konnten diese Herren die Gunst des Königs erwarten – doch was hat der Falkensteiner von der Stadterhebung Königsteins, dass er eine solche Gunst tatsächlich einforderte? Unbegrenzt war sein Anspruch auf königliches Wohlwollen sicher nicht. Oder was haben wenigstens die Königsteiner davon, die in ihrer ökonomisch starken Position wohl ihrem Herrn überzeugende Gründe nennen konnten? Denn wirtschaftlich änderte sich nicht zwingend etwas: Weiterhin zogen die Kaufleute einmal, bald zweimal im Jahr hin und zurück durch Königstein... Und die Forschung hat sich inzwischen verabschiedet von der Idee, dass alle Herren und alle Dorfbewohner für ihre Dörfer danach strebten, Stadt zu werden. Wir wissen, dass es im Mittelalter Dörfer gab, die größer, reicher und wohlbefestigter waren, als es manche Stadt je werden sollte. Ein gutes Beispiel ist das durch Weinbau und -handel immens reich gewordene Ingelheim am Rhein, das ursprünglich königlich, seit dem 15. Jahrhundert dauerhaft pfälzisch war, das wohl an die 1.000 Einwohner und eine solide Stadtmauer hatte, mehrere Hospitäler und auch sonst alles, was man laut dem alten Bild eigentlich nur in Städten finden sollte: Ingelheim, bei dem niemand je nach Stadterhebung strebte, nicht die Bewohner, die teilweise so reich waren, dass sie ihrem Herrn und auch dem Erzbischof von Mainz massive Kredite geben konnten, die sich also wie typische Stadtbürger gaben, und auch nicht der Pfalzgraf als Dorfherr (auch nicht in der Zeit, als er selbst König war).

Stadtluft macht nicht immer frei

Die Falkensteiner allerdings ließen mehr und mehr Dörfer – neben Königstein auch ihre bevorzugten Wetterauer Residenzen und Grablegen Butzbach und Lich – in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts zu Städten erheben, meist allerdings erst deutlich später als Königstein. Mit der Stadtqua-lität konnten offenbar durchaus Vorteile für alle möglichen beteiligten Parteien verbunden sein, und die konnten nicht zuletzt irgendwie mit dem Frankfurter Recht verbunden gewesen sein.

So konnten die Dorfbewohner städtische Freiheit erstrebt haben... Doch die Idee, dass Stadtbewohner automatisch frei gewesen waren, ist noch so ein Faktum, das wir inzwischen ins Reich der Legende verbannt haben. Der Satz, dass Stadtluft frei mache, ist eine Konstruktion des 19. Jahrhunderts. Aber selbst wenn es Städte im Reich gab, in denen festgeschrieben war, dass unfreie Leute, die „Jahr und Tag“, ein Jahr und einen Tag also, unbehelligt in der Stadt lebten, frei sein sollten; selbst wenn es Städte gab, in denen die Freiheit und das Bürgersein eng miteinander verknüpft waren, so galt das für Frankfurt um diese Zeit definitiv nicht. Wer in Frankfurt lebte, konnte sein Leben lang unfrei bleiben; wer in der fraglichen Zeit Frankfurter Bürger werden wollte, konnte durchaus unfrei sein und einem Herrn angehören, der außerhalb von Frankfurt herrschte. Also bedeutete die Übertragung Frankfurter Rechts an Königstein nicht, dass die Leute frei wurden.

Freie Abhängige und unfreie Unabhängige?

Vielleicht war aber genau das der Punkt. Ohnehin war die Freiheit der Königsteiner ganz sicher nichts, woran dem Falkensteiner besonders gelegen sein konnte (der übrigens aller Wahrscheinlichkeit nach selbst noch ein Unfreier des Königs war, woran man sieht, wie wenig dieser Rechtsstatus tatsächliche soziale und Machtverhältnisse beeinträchtigen musste): Der Falkensteiner hätte, wären die Königsteiner frei geworden, seine Abhängigen verloren. Nun ja, ganz so einfach war es nicht: Auch als Freie hatten die Königsteiner ja weiter in Königstein gelebt, die Äcker bestellt und Steuern gezahlt... Und andererseits hatte auch der Status als Unfreie sie nicht daran gehindert, in großer Zahl Königstein zu verlassen und nach Frankfurt auszuwandern. Dort blieben sie – siehe oben – aber Abhängige des Falkensteiners, und er hatte durch sie sogar, sozusagen, einen Fuß in der Tür zum Frankfurter Markt: Warum sie also zu Königsteiner Bürgern machen, wenn sie ihm auch als Frankfurter Bürger weiterhin angehört hatten, ihm Steuern gezahlt hatten – halt! Denn hier liegt wahrscheinlich der Hase im Pfeffer.

Die lieben Steuern…

Während der Rat der Stadt Frankfurt in Sachen Freiheit und Unfreiheit eine sehr uninteressierte Position vertrat, war das bei den Steuern ganz und gar nicht so. Die Erhebung Königsteins zur Stadt fällt in eine Zeit, in der der Streit gerade zwischen den Falkensteinern (und anderen Herren der Region, wie den Eppsteinern und den Hanauern) und der Stadt Frankfurt um die sogenannten Pfahlbürger eskalierte. Pfahlbürger waren (nicht nur in Frankfurt) Leute, die eigentlich Bauern blieben, aber die Wintermonate in der Stadt verbrachten: Nach Frankfurter Reglement sollten sie zwischen dem 11. November und dem 22. Februar in Frankfurt leben. Diese beiden Daten – Martini und Petri Cathedra – sind interessanterweise just die ländlichen Zinstage: Wenn also der Zinseinnehmer des Falkensteiners am 11. November zu den Königsteiner Bauern kam, waren diese möglicherweise gerade in die Stadt gezogen – und sie waren noch nicht wieder zurück, wenn er im Februar erneut kam. Wenn der Herr aber seinen Zins nicht einsammelte, hatte er ihn verloren. Die Bauern andererseits wollten in die Stadt nicht nur, um die Zinsen zu umgehen, denn Steuern mussten sie ja prinzipiell auch in Frankfurt zahlen. Aber sie hatten Zugang zum Markt und andere ökonomische Vorteile, man war jemand, wenn man Frankfurter war, man war geschützt. Andererseits war es mit dem Schutz nicht weit her, wenn die Äcker am Taunusrand lagen und Frankfurt wenigstens einen halben Tagesritt entfernt lag.

Wenn es also nun dem Falkensteiner gelang, die Stadt nach Königstein zu holen, und wenn er damit die Königsteiner überzeugen konnte zu bleiben – ja, möglicherweise zusätzlich Leute nach Königstein ziehen konnte – dann hatte er gewonnen. Die Königsteiner wiederum waren zwar keine Frankfurter und hatten auch keinen direkten Zugang zum Frankfurter Markt. Aber sie konnten Stadtbürger in der Nähe ihrer Felder sein, und auch darüber hinaus konnte man mit der Stadtqualität konkrete Vorteile erreichen: Man konnte – um auf der ökonomischen Ebene zu bleiben – wie die Frankfurter zum Beispiel vom Herrn verlangen, dass der nicht mehr von jedem Einzelnen den Zins einsammelte, sondern von der ganzen Stadtgemeinde, die selbständig umlegte – die wohl auch eigene Abgaben auf die durchreisenden Kaufleute erheben konnte. All das dürften die Frankfurter, all das konnte man also aus der Verleihung des Frankfurter Rechts ableiten und gegebenenfalls vom Herrn einfordern.

Frankfurter Recht…

Zwingend ist diese Folge der Stadterhebung allerdings nicht, denn das Frankfurter Recht war nicht geschrieben – die erste Niederschrift fand erst am Ende des 15. Jahrhunderts statt. Aber was verlieh dann der Stellvertreter des Königs dem Herrn von Falkenstein für sein oppidum Königstein – wie verleiht man denn ungeschriebenes Recht, und wie kann es umgesetzt werden? Nun, man kann die Leute fragen, die das Recht schon haben und es also kennen mussten. Und Frankfurt gab dann Auskunft – und zwar genau die Auskunft, die Frankfurt geben wollte (Frankfurter Rechtsauskünfte umfassten z.B. niemals das vornehmste vom König an Frankfurt verliehene Recht: die Frankfurter Messen abzuhalten). Aber die Königsteiner waren natürlich so viel in Frankfurt und hatten zudem verwandtschaftliche Bande zu Bürgern der Stadt, dass sie in etwa wussten, was das Frankfurter Recht war – oder sie wussten zumindest, was daran vorteilhaft im täglichen Leben war, was sie davon haben wollten.

…und Frankfurter Richter…

Und wenn sie es einmal nicht wussten, nachdem sie für ihre eigene junge Stadt Königstein Frankfurter Recht erworben hatten, dann gab es das Institut des Oberhofs: Das Frankfurter Schöffengericht war der Oberhof für alle Städte, die Frankfurter Recht übertragen bekamen, und damit die Auskunftsstelle in Zweifelsfällen. Wenn die Königsteiner Richter nicht mehr weiter wussten, dann fragten sie in Frankfurt an, und die Frankfurter Schöffen wiesen ihnen Frankfurter Recht. Das ist keine höhere Gerichtsinstanz, wie wir sie heute kennen: Nicht die Parteien vor Gericht fragen nach dem Spruch des Urteils, sondern die Richter fragen die Richter während des Verfahrens.

Die Frankfurter Schöffen aber waren zugleich die vornehmsten Mitglieder des Frankfurter Rates... womit wir bei der Frage wären, was die Frankfurter gesagt hatten oder haben, wenn sie gefragt worden waren oder gefragt worden sind, ob sie mit der Übertragung einverstanden waren (ob sie das wurden, wissen wir nicht: Sie wären im Zweifel in der Zeugenreihe zu finden, die die Stadtrechtsurkunde mit Sicherheit ursprünglich aufwies – doch wir haben ja auch nur noch eine Kopie). In der uns interessierenden Zeit war die Stadt Frankfurt bereits symbolisch wie ökonomisch ein zentraler Faktor in der königlichen Politik: Johanns Vater Heinrich war hier gewählt worden, die Frankfurter Messen, das habe ich schon geschildert, zogen bereits jährlich zahllose Kaufleute an, Frankfurt boomte... Wenn der König Geld brauchte, und das tat er ständig, gerade wenn er nach Italien zog, dann waren es solche Städte, die er fragte. Im Vergleich zu den Truppen, die der Falkensteiner dem König zuführen konnte, war das mindestens gleich wichtig.

…machen Politik!

Was also hatte möglicherweise Frankfurt von dieser Stadtrechtsverleihung? – Zunächst einmal bedeutete die Übertragung Frankfurter Rechts auf Königstein ja, dass möglicherweise Frankfurt nicht mehr so interessant für potentielle Neubürger aus Königstein war (und Neubürger brauchte das spätmittelalterliche Frankfurt immer dringend). Aber durch die Position als Oberhof, durch die Tatsache, dass der Königsteiner Rat immer wieder beim Frankfurter Rat um Rechtsweisung nachsuchte, hatte der Frankfurter Rat seinen nicht nur rechtlichen, sondern auch politischen Einfluss auf diesen Vorposten der eigenen Messe erhöht.

Win-win-Geschäft

Die Stadterhebung Königsteins, die Stadtrechtsverleihung an das Falkensteiner Dorf eine Tagesreise von Frankfurt an der Straße nach Köln ist demnach ein Akt, von dem alle Beteiligten irgendwie profitierten. Zwar eine Veränderung alt überkommener Ansprüche und Zuständigkeiten, doch die Welt um Königstein herum war ja auch massiv im Wandel begriffen. Eine Anpassung also und dabei ein Kompromiss, mit dem alle leben konnten – was man heute wohl als Win-win-Geschäft bezeichnet.

Was ich versucht habe, Ihnen vorzustellen, ist eine Gesellschaftsordnung, die nach Regeln funktionierte, die wir uns heute nur noch schwer vorstellen können, weil wir daran gewöhnt sind, dass alles Recht geschrieben sein muss und alle Zweifelsfälle eindeutig geklärt werden müssen. Andererseits dürfte Ihnen auch vieles bekannt vorgekommen sein: Auch heute noch kommt man am besten zurecht, wenn man auch die ,,ungeschriebenen Gesetze“ kennt.

Zurück zur Welt

Und warum habe ich nun mit der Weltgeschichte angefangen? Nun, die englischen oderflandrischen Kaufleute trafen in Frankfurt solche aus Venedig oder Genua, die Güter im Gepäck hatten, die aus Ostasien, Indien oder Afrika importiert worden waren – z.B. aus Peking, wo nur wenige Jahre vor der Königsteiner Stadterhebung ein Genueser Kaufmann ein Kirchengrundstück für einen Landmann, den ersten katholischen Erzbischof von Peking, erworben hatte... Weltpolitik wurde damals gemacht mit Geld und Gütern, die im Prinzip auch an Königstein vorbeikamen – oder umgekehrt: Königstein konnte zur Stadt werden, weil es mit einem noch so kleinen Anteil an ein ökonomisches System angeschlossen war, das damals bereits fast die ganze bekannte Welt umfasste.

Hinweise zur Literatur zu einzelnen angesprochenen Problemen

  • Clemens, Lukas/Schmitt, Sigrid (Hg.), Zur Sozial- und Kulturgeschichte der mittelalterlichen Burg. Archaologie und Geschichte, Trier 2009
  • Ennen, Edith, Die europäische Stadt des Mittelalters, 4. Aufl. Göttingen 1987
  • Ertl, Thomas, Seide, Pfeffer und Kanonen: Globalisierung im Mittelalter, Darmstadt 2008
  • Johanek, Peter, Europäische Stadtgeschichte. Ausgewählte Beitrage, hg. von Werner Freitag und Mechthild Siekmann, Köln - Weimar-Wien 2012
  • Jost, Bettina, Die Reichsministerialen von Münzenberg als Bauherren in der Wetterau im 12. Jahrhundert, Köln 1995
  • Loftier, Anette, Die Herren und Grafen von Falkenstein (Taunus). Studien zur Territorial-und Besitzgeschichte, zur reichspolitischen Stellung und zur Genealogie eines führenden Ministerialengeschlechts 1255-1418, Band 1: Darstellung, Ortkatalog, Genealogie, Band 2: Regesten; Darmstadt- Marburg 1994 (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte. 99)
  • Moraw, Peter, Über König und Reich. Aufsätze zur deutschen Verfassungsgeschichte des späten Mittelalters, hg. v. Rainer Christoph Schwinges, Sigmaringen 1995
  • Pauly, Michel (Hg.), Europäische Governance im Spätmittelalter. Heinrich VII. von Luxemburg und die großen Dynastien Europas – Gouvernance europeenne au bas moyen age. Henri VII. de Luxembourg et I'Europe des grandes dynasties, Luxemburg 2010 (Publications du CLUDEM. 27)
  • Rothmann, Michael, Die Frankfurter Messen im Mittelalter, Stuttgart 1998 (Frankfurter Historische Abhandlungen. 40)
  • Schäfer, Regina, Die Herren und die Herrschaft Eppstein. Herrschaftsausübung, Verwaltung und Besitz eines Hochadelsgeschlechts im Spätmittelalter, Diss. masch. Mainz 1996, Wiesbaden 2000
  • Schäfer, Regina, Ingelheim im Spätmittelalter – eine Gemeinde zwischen Dorf und Stadt, in: Marzi, Werner/ Schäfer, Regina (Hg.), Alltag, Herrschaft, Gesellschaft und Gericht im Spiegel der spätmittelalterlichen Ingelheimer Haderbücher, Alzey 2012, S. 47-63
  • Schmieder, Felicitas, ,,Civibus de Frankinfort ... concedimus libertatem ut numquam aliquem vestrum cogamus“: Machte mittelalterliche Stadtluft die Menschen frei?, in: Kurt Andermann (Hg.), Freiheit und Unfreiheit. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Facetten eines zeitlosen Problems (Kraichtaler Kolloquien. 7), Epfendorf 2010, S. 115-135.
  • Schmieder, Felicitas, Die große Stadt und das kleine Dorf. Frankfurt und Petterweil, in: Streiflichter. Beiträge zur Geschichte und Volkskunde der Stadt Karben 2 (2004) 135-52
  • Schmieder, Felicitas, Die Herren von Falkenstein auf Burg Königstein. Unfreie in der Führung des Reiches, in: Königsteiner Burgfest 1994, S.23-45
  • Schmieder, Felicitas, Städte im mittelalterlichen Reich als Ort und Motor gesellschaftlichen Wandels. Alte Gruppen - neue Gruppen - verschiedene Gruppen, in: Europa im späten Mittelalter. Politik - Gesellschaft -Kultur, hg. von Rainer C. Schwinges/ Christian Hesse/Peter Moraw, München 2005 (Historische Zeitschrift. Beiheft40), S.339-355. Dieser Beitrag war der Festvortrag zur 700-Jahr-Feier am 2. Marz 2013 im Haus der Begegnung in Königstein.
  • Schwind, Fred, Die Landvogtei in der Wetterau. Studien zu Herrschaft und Politik der staufischen und spätmittelalterlichen Könige, Marburg 1972
  • Seibt, Ferdinand/Eberhard, Winfried (Hg.), Europa 1400. Die Krise des Spätmittelalters, Stuttgart 1984
  • Toch, Michael, Die Juden im mittelalterlichen Reich, München 1998 (Enzyklopädie deutscher Geschichte. 44)
  • Volk, Otto, Wirtschaft und Gesellschaft am Mittelrhein vom 12. bis zum 16. Jahrhundert, Wiesbaden 1998